Über viele Jahrhunderte lässt sich der Ritus der Rauhnacht im Bayerischen Wald belegen. Das mit großer Wahrscheinlichkeit einem heidnischen Kult zu Grunde liegende Brauchtum wurde von der Volksseele über viele Jahre zelebriert. Mit Beginn der Weihnachts- oder Christnacht begannen die zwölf Rauhnächte, die im Volksmund kurzum als die „Zwölfe“ bezeichnet wurden.
Diese beschreiben nichts anderes als die Mittwintertage. In ältester Zeit waren diese dunklen Tage und die noch viel längeren Nächte eine Zeit der Toten- und Geisterumzüge, die durch Lärm- und Maskenumzüge ihren Ausdruck fanden. Die Rauhen, das heißt, die wilden, mit Fell Bekleideten, gingen in den Nächten um. Vielerorts sprach man auch von den „Rauchnächten“. Dieser Name galt ursprünglich nur den vier Nächten, an denen man durch Hausräucherung die bösen Geister und Dämonen verscheuchte. Die erste Nacht war hierbei die Thomasnacht, der 21. Dezember, es folgte die Christ- und Neujahrsnacht, um mit der Dreikönigsnacht abzuschließen.
So konnte man den armen Seelen einen Ruheplatz verschaffen und Böses von Haus und Hof fernhalten. Dem Volksglauben nach waren an den Rauhnächten die Geister frei und so sprach man auch gerne von den Freinächten der Geister. Nur mit viel Lärm und Getöse schien die Einfuhr wilder Geister gebannt und so zogen die „Wilden“ durch die Straßen der Dörfer und taten es den gefürchteten Dämonen gleich.
Gleichzeitig wurden diese besonderen Tage, an denen das Hier und Jetzt mit der Anderswelt verschmolz, für einen Blick in die Zukunft genutzt. So erhofften sich viele mit dem „Löseln“, das nichts anderes bedeutet als Wahrsagen oder Hellsehen, Aufschluss über das eigene Schicksal zu erlangen. Bauern versuchten sich mit dem Zwiebelorakel ein Bild über das kommende Erntejahr zu machen. Die heiratswillige Jugend hingegen orakelte durch Pantoffelwerfen und Zwetschgenbaumschütteln, ob das kommende Jahr den Lebensgefährten bringen würde.
Von Generation zu Generation wurden die Bräuche, aber auch die Gebote der Rauhnächte weitergegeben, die sich bis weit ins 19. Jahrhundert mit einem tiefgründigen Glauben praktizieren ließen. Dem generellen Wandel der Zeit und der allmählichen Aufklärung ist es wohl zuzuschreiben, dass dieses Gemeinschaftsgut nach und nach verebbte. Die alten Geschichtenerzähler fanden kein Gehör mehr bei der Jugend, die sich fortan lieber einem anderen Zeitvertreib widmete. Lärmende Kuhglocken und Trommeln verstummten in den Gassen der Dörfer.
Bis weit hinein ins 20. Jahrhundert ruhte das winterliche Treiben und erfuhr erst in den 1980er Jahren eine Renaissance in Niederbayern. Durch die Niederschrift der mündlichen Erzählungen ging der Sagenkranz um die unheimlichen Geschichten nicht verloren und so greifen die Brauchtumspfleger heute in die Vollen und schöpfen aus dem Sagenschatz zur Wiederbelebung alter Riten.
Zu diesen Brauchtumspflegern zählt auch der Verein der Koishüttler Lousnacht, der den Sagengestalten des Rachel- und Lusengebiets, an den sogenannten Losnächten, Leben einhauchte. So reaktivierte die Koishüttler Lousnacht nicht nur altes Brauchgut, sondern erinnert insbesondere an die alten Geschichten, die man sich unterhalb von Rachel und Lusen zu erzählen wusste.